Adult(R) Deutsch Reloaded

Retrouvez Adult(R) dans la revue Stadtsprachen #10, et en allemand s’il vous plaît!

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Arnaud

Arnaud hat einen zeitintensiven Job, trägt Verantwortung. Mit drei zu ernährenden Kindern kann er gar nicht anders als für den Unterhalt aufkommen, die Karriereleiter nach oben steigen, gewinnen. Für seine Liebsten, damit sie ein gutes, gesundes, erfülltes Leben haben. Er weiß, dass er das Familienleben versäumt, aber das ist der Preis dafür. Er hat das, was man eine gute Stellung nennt. Die verdankt er seiner Arbeit, seiner Streitbarkeit, seiner völligen Hingabe. Er zählt nicht die Stunden, auch nicht an diesem Abend, als er um Mitternacht nach Hause kommt. Wieder ein Essen, das sich hinzieht. Er hat sein Publikum umschmeichelt, hat es überzeugt, in sein Unternehmen zu investieren. Derart anstrengende Geschäftsessen elektrisieren ihn, widerspiegeln das Bild von einem reifen, perfekten Mann. Er fühlt sich gut, im Vollbesitz seiner Kräfte. Der Körper schwächelt noch nicht, die Muskeln halten sich dank regelmäßigem und intensivem Training. Er achtet darauf, was er isst und trinkt, er schämt sich nicht dafür, teure Pflegemittel zu benutzen. Es gefällt ihm, dass seine Hemden sorgfältig geplättet, die Bügelfalten seiner Anzüge regelmäßig gestärkt werden. Er vergisst nicht, großzügig zu sein. Spendet seine abgetragene Kleidung für gute Werke, nimmt an Sponsorenläufen teil. Die Kinder sind ihm sehr ähnlich, insbesondere sein Jüngster. Im Taxi auf dem Weg nach Hause kommt ihm die Idee, am Wochenende mit der Familie ans Meer zu fahren. Es ist Nebensaison. Es dürfte nicht schwierig sein, ein Hotel für eine Nacht zu finden. Er könnte den neuen Regenmantel einweihen, Meeresfrüchte essen, Marie sich erholen lassen. Er weiß genau, dass sie den Kopf einzieht. Dass sie alle Fäden ihres Lebens verknäult. Obwohl er ihr Verhalten nicht verstehen, nicht nachvollziehen kann, fühlt er doch mit ihr. Er ist zwar nicht wirklich besorgt – sie ist schon immer ein bisschen verträumt gewesen, was ihm an ihr gefallen, weshalb er sich in sie verliebt hat –, findet aber keine Lösung. Er, der so gut mit Krisen umgehen kann, ist nicht imstande, die Situation zu ändern. Er hat geglaubt, dass die täglich auf den neuesten Stand zu bringenden Listen ihr dabei helfen würden, Ordnung zu schaffen, ihre Leistung zu verbessern, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, aber Tatsache ist: Abgesehen davon, dass sie die Wohnung verunstaltet, scheint seine Frau nicht fröhlicher zu sein. Er fürchtet, dass er sie zum Psychiater schicken muss. Sie neigt zum Substanzkonsum. Ihre Medikamente würde sie wahrscheinlich bald allzu gern nehmen. Außerdem hieße das eingestehen, dass seine Frau verrückt ist, was natürlich absolut nicht der Fall ist. Marie ist zerstreut und vielleicht für die Mutterschaft nicht gemacht. Aber die Kinder sind da und damit muss sie sich abfinden. Genau wie er. Man macht im Leben nicht, was man will, sondern was getan werden muss, und zwar so gut es nur geht. Das würde er sich gern in seinen Grabstein meißeln lassen: Er tat, was getan werden musste, so gut es nur ging. Aber er hat noch Zeit. Der Tod betrifft ihn nicht.

Als er aus dem Taxi steigt, stellt er fest, dass wie erwartet die Lichter gelöscht sind. Alle sind sie schlafen gegangen. Beim Schließen der Haustür gibt er acht, kein Geräusch zu machen. Hängt vorsichtig den Mantel auf den Kleiderbügel, stellt die Schuhe ins Regal, den Aktenkoffer auf den Stuhl. In Socken auf dem gewachsten Parkettboden gleitend, läuft er den Flur entlang, vorbei an den Zimmern seiner Söhne, seiner Tochter, schließt vorsichtig das elterliche Schlafzimmer, geht dann im Dunkeln zickzack entlang der Wohnzimmermöbel, um sich in seinen Lieblingssessel zu setzen. Ohne suchen zu müssen, schaltet er rechts der Armlehne die Leselampe ein, nimmt das aufgeschlagene Buch zur Hand und setzt die Lektüre fort. Jede seiner Bewegungen ist präzise, routiniert, Teil des persönlichen Einschlafrituals. Zur Ruhe kommen, versinken in der friedlichen Stille der Worte, die sich nur ihm auftun. Sich auf die Reise mitnehmen lassen, eintauchen in das Leben der anderen, ohne ein Stalker zu sein. Seinen tausenden kleinen Marotten frönen, ohne dafür verurteilt zu werden. Niemand aus seinem Freundeskreis weiß von seiner Vorliebe für die Lektüre. Seine Kindheit hat sich in der Stadtbibliothek abgespielt, wo er sich über immer anspruchsvolleren Büchern die Augen verdorben hat. Die gewöhnliche Popkultur seiner Generation ist ihm völlig fremd. Mit ihren Codes ist er allmählich vertraut geworden und kann halbherzig den Vorspann einiger Zeichentrickfilme mitsummen, in Erinnerungen an einen ausgestorbenen Schokoriegel schwelgen, aber immer mit erzwungener Begeisterung. Das bemerkt nur Marie. Er hat sie in einem Literaturkreis kennen gelernt, als er noch Wirtschaft studierte. Er hatte sich eine Gruppe am anderen Ende der Stadt gesucht, in einer Gegend, wo er niemanden Bekanntes treffen würde. Der Literaturkreis war seine wöchentliche Verabredung mit sich selbst. Sie wirkte so zerbrechlich, verstand nichts, teilweise wegen der Sprache, reagierte zeitversetzt. Ihre Bücher waren voller Papierschnipsel, auf die sie in winziger Schrift ausschließlich für sie verständliche Gedanken notierte. Ein paar Strähnen waren einem zerzausten Knoten entschlüpft, der auf ihrem Scheitel platziert und mithilfe eines Stifts oder Essstäbchens zusammengehalten wurde. Die Strähnen umrahmten ihre wundersam großen, strahlend grauen Augen. Allein ihre rosigen Lippen passten nicht zu der weißen Haut und fahlen Kleidung. Würdevoll verkörperte sie die Romanfiguren ihres Herkunftslandes, und er verliebte sich Hals über Kopf und von ganzem Herzen in diese Frau, die den Heldinnen seiner Kindheit Leben einhauchte. Die Zuneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Was für sein romantisches Gemüt vielleicht zu simpel war. Sie hatte keinen Verlobten, keinen entfernten Cousin, sie war bereit, ihm überallhin zu folgen, sich bedingungslos zu ergeben, vom ersten Augenblick an. Schon damals war sein Leben einnehmend gewesen. Das lange, anspruchsvolle Studium, der Nebenjob als Lieferant am Wochenende und an manchen Abenden, Veranstaltungen an den übrigen Tagen. Die restliche Zeit gehörte Marie. Die Momente nach dem rauschenden Fest, nach den Kundenbeschwerden, dem Lernen tagsüber und am Abend. Er traf sie regelmäßig in der inzwischen gemeinsamen Wohnung, sie setzten sich auf die Wohnzimmercouch und lasen einander vor, gerade lange genug, um die zwischen den Buchseiten verborgene Begierde zu wecken und sich dem anderen hinzugeben. Die Möglichkeit einer solchen Symbiose hatte ihn erstaunt. Mit Marie machte er die Leinen los, löste er sich in einer ewigen Gegenwart auf. „Marie, warum lese ich gerade allein im Wohnzimmer dieses Buch?“, fragt er sich jeden Abend. Er vermisst seine Frau, mehr als er in Worte fassen kann, aber sie sind jetzt einander so fern, dass er nicht mehr weiß, wo er die Wurfleine ausbringen soll, die sie zu ihm zurückbringt.

Er setzt die Lektüre der Brüder Karamasow fort, beendet seinen Dostojewski-Zyklus und spürt, wie seine eigene Welt auf merkwürdige Weise in dem gleichen schlammigen Sumpf versinkt wie die Romanfiguren. Als er die Augen schließt, um sich die Worte des „Großinquisitors“ ins Gedächtnis zu rufen, fällt das Buch geräuschlos auf den Teppich. Arnaud schläft, ohne zu wissen, dass das Haus leer und seine Frau nie heimgekommen ist.

Aus den französischen von Ina Böhme

 

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